72 Stunden in Antwerpen
Zwischen Hafen, Handwerk und Himmelsschliff
Gerade einmal rund 140 Kilometer trennen uns von Antwerpen – und trotzdem war die Stadt für uns bislang nur ein kurzer Blick aus dem Autofenster auf dem Weg Richtung Küste. Anfang November ändern wir das: Wir packen unser Wohnmobil, verabreden uns mit Freunden und machen Antwerpen zum Ziel eines entspannten Wochenendtrips.
Anreise
Schnell da, mitten drin
Antwerpen liegt überraschend nah – und genau das macht die Stadt zum perfekten Ziel für einen Wochenendtrip. Von vielen Orten in NRW oder dem Westen Deutschlands ist man in gut zwei Stunden da. Ob mit dem Auto, dem Zug oder dem Fernbus: Die Verbindungen sind unkompliziert und schnell. Besonders entspannt geht’s mit der Bahn – und wer am Hauptbahnhof aussteigt, steht direkt vor einem echten Wahrzeichen der Stadt: dem monumentalen Antwerpen-Centraal, einem der beeindruckendsten Bahnhöfe Europas. Auch Fernbusse halten zentral, mit guter Anbindung an den Nahverkehr. Wer – so wie wir – mit dem Wohnmobil unterwegs ist, findet mit dem City-Camping Antwerp eine tolle, zentrumsnahe Möglichkeit zum Übernachten: ruhig, grün und per kostenloser Fähre direkt ans Stadtzentrum angebunden. So beginnt das Abenteuer Antwerpen schon mit der Anreise.
ÖPNV
Antwerpen lässt sich wunderbar zu Fuß erkunden. Für längere Strecken oder wenn die Beine müde werden, gibt’s Alternativen: Das lokale Verkehrsnetz „De Lijn“ verbindet Bus und Straßenbahn, Tickets gibt’s ganz einfach per App oder am Automaten. Wer lieber in die Pedale tritt, leiht sich ein Cloudbike – die knallroten Räder sind an vielen Stationen in der Stadt verfügbar. Für einen echten Antwerpen-Moment empfehlen wir: einfach mal auf die Fähre steigen. Kostenlos schippert sie zwischen den Ufern der Schelde – ein echtes Mini-Abenteuer.
Sightseeing
Zwischen Geschichte, Grachten und großem Genuss
Antwerpen ist eine Stadt mit vielen Gesichtern – historisch gewachsen, weltoffen und immer ein bisschen unkonventionell. Zwischen mittelalterlichen Gassen, futuristischer Architektur und flämischem Lebensgefühl entdecken wir bei unserem Besuch eine Stadt, die überrascht – auf Schritt und Tritt.
Unser Stadtrundgang beginnt im Norden – beim spektakulären Havenhuis, dem neuen Wahrzeichen des Antwerpener Hafens. Der Entwurf stammt von der weltberühmten Architektin Zaha Hadid. Sie ließ ein modernes, gläsernes Schiffsobjekt auf ein historisches Hafengebäude setzen – eine futuristische Kombination, die symbolisch für das neue Antwerpen steht: tief verwurzelt in der Geschichte, aber mutig nach vorne blickend. Das Gebäude ist heute Verwaltungssitz der Hafenbehörde, kann aber im Rahmen von Führungen besichtigt werden.



Später geht’s in die Altstadt. Dort wird die Liebfrauenkathedrale von der Abendsonne in goldenes Licht getaucht – und wirkt wie eine Szenerie aus dem Film. Mitten in der Altstadt thront sie, die prächtige Kathedrale, ein Meisterwerk der gotischen Baukunst und das höchste Kirchengebäude Belgiens. Schon von außen beeindruckt sie mit ihrem filigranen Turm, aber richtig atemberaubend wird’s drinnen: riesige Gewölbe, kunstvolle Fenster und gleich mehrere Werke von Peter Paul Rubens, dem berühmtesten Sohn der Stadt. Die Kirche ist UNESCO-Welterbe und erzählt über Jahrhunderte hinweg die Geschichte Antwerpens.



Auf dem Rückweg zum Campingplatz nehmen wir den St.-Anna-Tunnel – eine der charmantesten Entdeckungen unseres Trips. Er ist ein Stück Stadtgeschichte, das sich anfühlt wie eine Zeitreise. Die hölzernen Rolltreppen, das schummrige Licht, der Geruch von Stein und Geschichte – einfach einzigartig. Der St.-Anna-Tunnel, der seit 1933 Fußgänger und Radfahrer unter der Schelde auf die andere Flussseite bringt liegt eher unscheinbar – aber kaum geht man die nostalgischen Holzrolltreppen hinunter, fühlt man sich wie in einer anderen Zeit. Der Tunnel ist 572 Meter lang, kühl, ruhig – und eine perfekte Abkürzung zurück zum Campingplatz.



Am nächsten Tag flanieren wir durch die Kloosterstraat. Vintage-Möbel, Bücher, alte Schilder, Design und Fundstücke, die Geschichten erzählen – Antwerpen ist auch ein Paradies für Schatzsucher.
Ein echtes architektonisches Juwel ist die alte Handelsbörse – filigrane Gusseisenbögen, eine lichte Glaskuppel, Renaissance-Elemente. Wir stehen staunend in diesem ehrwürdigen Gebäude und fragen uns: Warum war das hier nicht längst auf unserer Bucket List? Erbaut im 16. Jahrhundert, war sie das wirtschaftliche Herz Europas, als Antwerpen zur wichtigsten Handelsmetropole aufstieg. Heute ist sie aufwendig restauriert und wird für Events und Ausstellungen genutzt. Besonders beeindruckend: die filigranen, gusseisernen Arkaden und die riesige, helle Glashalle. Ein echter Geheimtipp für Architekturfans.



Und dann: der Beginenhof. Eine grüne Oase der Stille mitten in der Stadt. Kopfsteinpflaster, weiße Häuschen, blühende Beete – kaum ein Ort strahlt so viel Ruhe und Geschichte aus. Etwas versteckt liegt die stille Oase mitten in der Stadt. Er wurde im 16. Jahrhundert gegründet und diente als Wohnort für alleinstehende Frauen, die in einer religiösen Gemeinschaft lebten, aber keine Nonnen waren. Heute ist es ein öffentlicher Ort der Ruhe – mit alten Häuschen, kleinen Gärten und einer besinnlichen Atmosphäre, die so gar nicht nach Großstadt klingt.



Grote Markt & Rathaus
Der zentrale Marktplatz Antwerpens ist ein Klassiker – und zurecht ein Touristenmagnet. Der Grote Markt ist gesäumt von prachtvollen Zunfthäusern im flämischen Stil, oft mit vergoldeten Figuren auf den Giebeln. In der Mitte steht der Brabobrunnen, der die sagenhafte Gründungslegende Antwerpens zeigt: Der Held Silvius Brabo besiegt einen Riesen, haut ihm die Hand ab und wirft sie in die Schelde – daher übrigens auch der Name Antwerpen („hand werpen“ – Hand werfen). Das Rathaus mit seiner Renaissancefassade rundet das Ensemble ab.



Bahnhof & Bahnhofsviertel – Zwischen Gleisen und Großstadtgefühl
Wer mit dem Zug anreist, erlebt direkt zum Start ein echtes Wow: Der Antwerpen-Centraal ist kein Bahnhof – er ist eine Kathedrale für den Zugverkehr. Die mächtige Glaskuppel, Marmor, Treppenhäuser und das Zusammenspiel von Jugendstil und Neorenaissance machen ihn zu einem der schönsten Bahnhöfe der Welt. Auch wer nicht mit dem Zug reist: Unbedingt anschauen!



Rund um den Bahnhof pulsiert das Leben. Im Bahnhofsviertel mischen sich internationale Geschäfte, asiatische Supermärkte, Cafés und kreative Läden – hier spürt man, wie vielfältig und weltoffen Antwerpen ist.
Direkt vor dem Bahnhof ragt das große Riesenrad in den Himmel. Eine Fahrt lohnt sich nicht nur für Familien: Von oben hat man einen großartigen Blick über die Dächer der Stadt, das Hafenviertel und bei gutem Wetter sogar bis weit über die Schelde hinaus. Gerade zum Einstieg in die Stadt ist das ein echtes Highlight – Überblick inklusive.


Museen
Antwerpen bietet eine vielfältige Museumslandschaft. Für Kunst- und Kulturliebhaber ist das Museum aan de Stroom (MAS) ein Muss. Das Gebäude selbst ist ein Kunstwerk – rote Sandsteinquader, wellenartige Glasflächen und oben drauf: eine Aussichtsplattform mit Blick über den Hafen und die Skyline. In seinem Inneren geht’s um die Geschichte der Stadt, den Hafen, internationale Beziehungen, Migration, Kunst und Kultur. Jede Etage behandelt ein neues Thema.
Im Museum Plantin-Moretus, einem UNESCO-Welterbe, kann man eintauchen in die Welt des Buchdrucks – beeindruckend, wie viel Geschichte in alten Lettern steckt.
Das ModeMuseum (MoMu) ist ein Hotspot für Fashion-Fans. Kein Wunder, schließlich stammt die „Antwerp Six“-Designschule von hier – ein Beweis mehr, dass die Stadt avantgardistisch und stilbewusst ist.
Ein echtes Highlight für Kunstliebhaber ist auch das Rubenshuis – das ehemalige Wohnhaus und Atelier des flämischen Malerfürsten Peter Paul Rubens. Das prachtvolle Stadthaus mit seinem eleganten Garten und den rekonstruierten Innenräumen lässt uns eintauchen in die Welt des Barock. In den Ausstellungsräumen hängen Werke von Rubens selbst sowie von Künstlerfreunden und Zeitgenossen. Besonders beeindruckend: die authentische Atmosphäre, die fast vergessen lässt, dass wir uns in einem Museum befinden. Aktuell wird das Rubenshaus umfassend renoviert – ein neuer, moderner Museumskomplex ist bereits in Planung. Wer das Haus nicht betreten kann, sollte trotzdem einen Abstecher zum Garten oder zur Außenfassade machen – es lohnt sich.


Gastronomie
Antwerpen schmeckt! Und wie.
Unser Highlight: die Seef Brauerei im alten Hafenviertel. Schon die Location ist besonders – rau, industriell, authentisch. Hier wird das traditionelle Seefbier, ein fast vergessenes, typisch antwerpener Bier, mit viel Liebe zum Detail neu aufgelegt. Der Taproom ist urgemütlich und gleichzeitig modern – man sitzt an Holztischen zwischen Braukesseln und kann den Brauern beim Arbeiten zusehen. Wir probieren uns durch die Sorten: vom klassischen Seef über fruchtige IPAs bis zu kräftigen dunklen Spezialbieren. Dazu gibt’s kleine Snacks – Flammkuchen, belgische Wurst, Käsewürfel. Kein Chichi, einfach gut. Wer mehr erfahren will, kann eine Brauereiführung mitmachen – spannend, unterhaltsam und mit ordentlich Probierzeit.



Samstagmorgen in Antwerpen? Dann unbedingt auf den großen Markt! Die Innenstadt verwandelt sich in ein buntes Treiben aus Ständen, Gerüchen und Stimmen. Es gibt frisches Obst und Gemüse, duftendes Brot, belgische Pralinen, Käse, Oliven, Saucen, Fisch – alles, was das Herz (und der Magen) begehrt. Besonders gut gefallen hat uns die lockere Atmosphäre: Man stellt sich an einen der langen Stehtische, holt sich frische Austern oder ein warmes Streetfood-Gericht und genießt dazu ein Glas Wein oder Crémant. Viele Einheimische kommen regelmäßig – das ist kein Touri-Markt, das ist echtes Stadtleben.



Zum Abendessen landen wir durch einen Tipp im ’t Hofke, einem kleinen Restaurant etwas abseits der großen Straßen – und sind sofort begeistert. Warmes Licht, liebevoll gedeckte Tische, entspannte Atmosphäre. Die Karte ist klein, saisonal und belgisch – mit Gerichten wie geschmortem Kaninchen, Muscheln, Wild oder vegetarischem Wurzelgemüse aus der Region. Alles frisch, alles hausgemacht, und mit viel Gespür für Geschmack und Qualität. Dazu belgische Weine oder ein Glas Bier aus der Region. Für uns: ein absoluter Geheimtipp – ehrlich, charmant und ohne unnötiges Tamtam.



Ob gehobene Küche oder Straßenimbiss – Antwerpen is(s)t vielfältig. Und für Foodies ganz klar eine Reise wert.
Shopping
Wer shoppen will, hat die Wahl:
- Die Meir ist die klassische Einkaufsmeile mit bekannten Marken.
- Die Stadsfeestzaal ist ein echtes Erlebnis – shoppen unter einer goldenen Kuppel, wer kann da schon nein sagen?
- Viel spannender aber finden wir das kreative Viertel rund um die Nationalstraat, Kammenstraat und Kloosterstraat: Vintage-Läden, Concept Stores, kleine Labels, Buchläden, Schallplatten – kurz gesagt: genau unser Ding.
Übrigens: Die Kloosterstraat ist nicht nur bekannt für Antiquitätenläden und Einrichtungsshops, sondern auch für ihre kreative Atmosphäre. An vielen Ecken entdeckt man Streetart – teils offiziell, teils wild, aber immer spannend. Wer möchte, kann eine Streetart-Tour buchen oder sich mit Karte auf eigene Faust durch die Viertel treiben lassen.



Übernachtung
Camping mitten in der Stadt
Für unser Wochenende in Antwerpen entscheiden wir uns für den Citycamping Antwerp – und sind ehrlich gesagt positiv überrascht, wie genial dieser Platz gelegen ist. Der Campingplatz befindet sich auf der linken Scheldeseite, also gegenüber der Altstadt, in einem ruhigen, grünen Viertel. Trotz seiner zentralen Lage wirkt der Platz fast ein bisschen wie eine kleine Oase: viel Platz, schattige Bäume, Vogelgezwitscher und eine entspannte Atmosphäre.
Die Ausstattung ist modern und sauber, es gibt großzügige Stellplätze für Wohnmobile und Campervans, sanitäre Anlagen, eine kleine Rezeption mit Infos zur Stadt und sogar eine Café-Ecke für den Morgenkaffee. Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, freut sich über die gute Anbindung an den Radweg entlang der Schelde.
Das Beste aber: Die kostenlose Fähre, die direkt in der Nähe des Platzes ablegt und uns in wenigen Minuten auf die andere Seite bringt – mitten hinein ins Herz von Antwerpen. Allein diese kurze Überfahrt hat schon etwas Magisches. Wir stehen an Deck, der Wind weht um die Nase, Möwen kreischen über uns, und vor uns baut sich das Stadtpanorama auf – mit den Türmen der Kathedrale, den alten Lagerhäusern und dem Riesenrad am Bahnhof. Kaum angekommen, ist man mittendrin: in einer lebendigen Stadt voller Geschichte, Kreativität und Genuss.
Wer urbanes Camping liebt, aber auf Ruhe und Natur nicht verzichten möchte, ist hier genau richtig. Für uns war der Citycamping Antwerp der perfekte Ausgangspunkt – unkompliziert, charmant und mit echtem Antwerpen-Flair schon am Morgen.


Wer nicht campen möchte, findet in Antwerpen eine breite Auswahl an Hotels, Apartments oder kleinen B&Bs – von stylish bis charmant historisch.
Antwerpen – Überraschend anders, wunderbar nah
Warum wir so lange gewartet haben? Keine Ahnung. Aber fest steht: Antwerpen ist keine Stadt für einmal und fertig – sie ist ein Ort zum Wiederkommen, zum Eintauchen, zum Entdecken. Zwischen historischen Gassen und moderner Architektur, zwischen Grachten, Genuss und großartigen Menschen entfaltet sich ein ganz eigener Rhythmus – ruhig, kreativ, lebensnah.
Antwerpen überrascht – mit Stil, mit Seele und mit einer Portion rauem Charme. Ob man auf der Suche nach gutem Essen, besonderem Design, spannender Geschichte oder einfach einer Stadt mit Charakter ist – hier wird man fündig. Und das Beste: All das liegt direkt um die Ecke.
Für uns steht fest: Das war nicht das letzte Mal. Antwerpen, wir sehen uns wieder.
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Infos | Tipps
- Infos zu Antwerpen
- ÖPNV in Antwerpen
- Museum: Rubenshaus Antwerpen
- Gastronomie: Seef Brauerei und t’Hofke
- Übernachtung: City Camping Antwerpen

